Projekt I: Bewertung der Aussagefähigkeit klinisch-audiologischer Diagnoseverfahren und Optimierung des Diagnose-Inventars

(Leitung: Dr. Thomas Brand (federführend), Universität Oldenburg, Prof. Dr. Rolf-Dieter Battmer Medizinische Hochschule Hannover)
Erwachsener bei einer HördiagnoseKind beim Hörtest

Die in der klinischen Audiologie verwendeten audiometrischen Testverfahren gehen z. T. auf Entwicklungen vor über 40 Jahren zurück und sind deutlich überholungsbedürftig. Neuere, in Bezug auf Aussagefähigkeit und Zeiteinsatz optimierte Diagnostikverfahren, werden zwar vereinzelt eingesetzt, besitzen jedoch nicht die notwendige Verbreitung und Akzeptanz in der klinisch-audiologischen Praxis. Ziel dieses Projektes ist es daher, die verschiedenen Diagnostikverfahren an einem möglichst großen Patientenkollektiv miteinander zu vergleichen und in ihrer Aussagefähigkeit für die Diagnose kritisch zu bewerten. Am Ende des Projektes sollte ein im Zeitaufwand optimiertes und vollstän-diges Methoden-Inventar klinisch-audiologischer Testverfahren stehen, das für die klinische Praxis (HNO-Klinik und niedergelassene HNO-Ärzte sowie Pädaudiologen und Pädiater bzw. Neurologen) vorgeschlagen und zur Erreichung bestimmter Qualitäts-standards vorgeschrieben werden kann.

Um die Beziehung der Ergebnisse der einzelnen Messverfahren untereinander und ihre Aussagefähigkeit in Bezug auf die beim individuellen Patienten vorliegenden Funktionsdefizite abschätzen zu können, wird mit innenohrschwerhörenden Versuchspersonen ein umfangreiches klinisch-audiologisches Messprogramm durchgeführt. Dies umfasst Schwellentests und überschwellige Tests, psychoakustische und objektive Tests (speziell im überschwelligen Bereich und in Bezug auf das binaurale Hören), sowie Tests zum monauralen und binauralen Sprachverstehen, aber auch objektive Hörtests (Otoakustische Emissionen und akustisch evozierte elektrische Potentiale). Anhand der Ergebnisse sollte eine Aussage über die Aussagefähigkeit einer jeden audiologischen Testmethode im Vergleich zu den anderen Testmethoden möglich sein.

Daraus soll ein Minimal-Satz an optimierten audiologischen Testverfahren für die klinische Audiometrie zusammengestellt werden ("audiologisches Profil"), das je nach gewünschtem Detaillierungsgrad verschiedene Stufen haben kann. Durch die Verwendung von Vorhersagemodellen soll die Anzahl der erforderlichen Messungen auf ein Minimum reduziert werden. Ein mögliches Szenario für ein dermaßen optimiertes Inventar könnte folgendermaßen aussehen:

  • Tonaudiogramm für die Ruhe-Hörschwellen-Bestimmung
  • Adaptive Lautheitsskalierung für die Bestimmung des Dynamikbereichs
  • Sprachverständlichkeitstests in Störgeräusch (voraussichtlich Satztests in fluktuierendem Störgeräusch) zur Bestimmung der Verzerrungskomponente
  • Tests zur spektralen und temporalen Auflösungsfähigkeit
  • Binauraler Basis-Test (voraussichtlich sprachbasiert)
  • objektive, neurophysiologische Untersuchungsverfahren
  • Test zum zentralen Hörvermögen bzw. zur Aufmerksamkeitslenkung
  • Fragebogen zur subjektiven Einschätzung des individuellen Hör-Handikaps

Ein mit dem auditorischen Profil gesammelter Datenpool eines größeren Patientenkollektivs soll zur Weiterentwicklung und zum Abgleich von Modellvorstellungen zur Auswirkung dezidierter Hörstörungen auf die Signalverarbeitung bei Innenohr-Schwerhörigkeit verwendet werden.

Die Ergebnisse des Projekts sollen in Form einer verbesserten, praxistauglicheren Software der Oldenburger Messstation (Hersteller: HörTech) zu marktgängigen Produkten umgesetzt werden. Diese Produkte werden soweit wie möglich zusammen mit Industrie-Partnern umgesetzt (z.B. verschiedene Audiometer-Hersteller). Nur durch diese Verfügbarmachung der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der technischen Implementation wird es möglich sein, die hier entwickelten Messverfahren auch nachhaltig für die klinische Audiologie im deutschsprachigen Raum etablieren zu können.